Nahverkehr auf Umwegen (6. Teil)

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Ein wiederholtes Pfeifgeräusch aus der Ferne riss uns jäh aus unseren Gedanken.
„Oh!“, meinte Max (wohl insgeheim froh darüber, das Thema wechseln zu können).

Bei Verständnisschwierigkeiten mit Max‘ oder Anne’s Dialekt: Einfach den Mauszeiger länger über die entsprechende Textpassage halten.
(Nutzer von Touch-Devices: Bitte in den Kommentaren schreiben, was ihr nicht versteht.)

Ich fragte: „Wor des en Zuch?“, worauf Max antwortete: „Ich vermut‘ mal. Glaub kaum, dass hier a Auto oder LKW ’s Morsa aafängt.“

Verwundert fragte ich zurück: „Häh, Morsen?“
Er erklärte: „Ha no, Lang-Kurz-Lang. Des isch ein ‚K‘ in Morse-Code.“
„Ah, geh, du schbinnsd doch. Waröm solld en Zuch gemors?“, fragte ich zurück.

Aber Max beharrte darauf und fuhr fort: „Woisch, d‘ gleiche Tonsequenz hanne au schon beim Zuagfahra aus de Lautsprecher g’hört, bloß mit diaf-hoch-diaf schdatt lang-kurz-lang. Drnoch sieht ma meischdens da Schaffner zur näggschda Sprechstell‘ renna. Des ‚K‘ schdoht f’r ‚Kommen‘, däd i mol saga.“

Jetzt hatte er mir natürlich wieder eine Steilvorlage geliefert. Ich sang: „LAA – la – LAA“, schaute ihn betont herausfordernd lächelnd an, machte eine dramatische Pause und neckte ihn dann in meinen besten Berufsjargon: „Tja, bei dir scheint das Experiment fehlgeschlagen zu sein. Ich konnte deine Hypothese nicht verifizieren.“ Ich lächelte süffisant, und fügte noch hinzu: „Du bisd scho so en richdicher Dausendsassa. Jedz konnsde ah noch gemors!“

Max antwortete: „Ha noi, ned viel meh als SOS und so – manche Händis machad Dididit-Dahdah-Dididit wenna SMS kommd, des hod me neigierig gmachd, nau hanne mol guugld, was‘ sonschd no fir gengige Abkirzonga mid Morse geid.“ Er zuckte mit den Schultern. „I merk‘ mir so an Scheiß halt. Meischdens sogar, ohne dass i’s mir merka will.“

Okay. Wenn vorhin noch irgendwelche Restzweifel bestanden haben sollten, dass Max ein Nerd ist, dann waren sie hiermit ausgeräumt.

Wir zogen uns beide wieder an, und packten unsere Sachen zusammen.

Max war so umsichtig, den von uns produzierten Abfall aufzusammeln, nur wusste er scheinbar nicht so recht, wohin damit. Zum Glück fand sich in meiner Handtasche noch eine zerknüllte kleine Plastiktüte, in der ich ursprünglich einen kleinen Imbiss eingepackt hatte. Ich gab sie ihm, er steckte unseren Abfall hinein, und verstaute sie anschließend in seiner Hosentasche.

Wir tranken noch abwechselnd meine Wasserflasche leer, und machten uns dann auf den Weg zurück zum Bahnhof.

Diesmal war ich darauf vorbereitet, dass er mich vor dem Überqueren des Grabens einfach hochhob und über seine Schulter warf. Trotzdem quiekte ich albern auf, und zappelte mit gespieltem Protest.

Wieder war mein Rock ein Stückchen nach oben verrutscht, als er mich auf der anderen Seite des Grabens wieder herunterließ.

„Du wesst doch genau, dass mer kä bassende Kondome mehr gehomm!“, erklärte ich betont streng, als ich meinen Rock fast hektisch wieder nach unten schob. Max schien mich dabei schon wieder mit seinen begehrlichen Blicken – und nicht nur mit diesen – ausziehen zu wollen, so dass ich schleunigst ein paar Schritte Abstand zwischen uns brachte.

Ich musste ihn unbedingt ablenken und auf andere Gedanken bringen. So fragte ich ihn, ob er öfters mit dem Zug fahren würde, denn das war das erstbeste, das mir einfiel.

„Scho,“, sagte er, abr normalerweis andre Schdregga. Meischdns nach A. oder en ledschdr Zeid au beruflich nach H. En N. be i schbädeschdens em Herbschd widdr, do griag e a Freikardd fir d‘ N3T von meim Brötchengeb’r.“
„Zur N3T?“, hakte ich nach, von der hobich ah scho gehörd. Die könnd inderessand gewer.“

Wir unterhielten uns weiter, während wir weiter Hand in Hand in Richtung Bahnstation liefen.

Trotz des vergnüglichen Nachmittags lag mir doch sehr daran, bald wieder heimzukommen, also verzichtete ich darauf, nochmals meine Fingernägel in seiner Handfläche zum Einsatz zu bringen.

Inzwischen war 19 Uhr durch, und ich hatte bestimmt noch weit über hundert Kilometer vor mir.
So war ich nicht erfreut, als wir nach einigen Minuten sehen mussten, dass der Zug, mit dem wir angekommen waren, bereits Richtung Osten fuhr.

Doch Max beruhigte mich: „Des wird gwiaß no idd dr ledschde gwea sei. Dui fahrad ja laud Fahrblaah‘ äll halba Schdond. No koi Angschd, do kommad no a baar.“
Da nun wieder Zugverkehr herrschte, war Max der Weg über die Gleise zu riskant für uns. Deswegen nutzten wir die dafür vorgesehene Fußgängerunterführung.

„Gugg amole!“, meinte Max grinsend, und deutete auf die Wand der Unterführung. Irgendjemand mit unbestritten künstlerischer Begabung hatte da mit einigen wenigen Strichen eine Zeichnung an die Wand gemalt, die trotz ihrer Einfachheit zweifelsfrei erkennen ließ, dass sie die Futurama-Figuren Fry und Leela darstellen sollte. Dabei nahm Fry eindeutig Leela im Doggystyle, wobei sich zwischen ihnen ein bemerkenswert großer horizontaler Abstand befand, den Fry dennoch überbrückte.
„Des kommt mer irchendwie bekannd vor!“, kicherte ich, „und da is der Bender!“.

Mit einer schnellen Bewegung fasste ich Max en passant in den Schritt. Offenbar hatte ich ihn damit überrumpelt, denn er japste nach Luft, und ihm entfuhr ein überraschtes: „Urgh!“.
Seine weitere Reaktion hatte ich so in der Form nicht vorhergesehen, und da mir klar war, dass wir ja keine passenden Kondome mehr haben, hätte ich sie auch nicht absichtlich provoziert.

Jedenfalls drückte er mich ohne Vorwarnung gegen die Wand (ja, gerade an die gewisse Stelle zwischen Fry und Leela). Seine Arme waren plötzlich überall, und es fiel mir schwer, einen klaren Kopf zu behalten. Ich schloss die Augen, während Max eine Hand unter meinem Top, und die andere unter meinem Rock hatte. Seine Finger drangen bereits fordernd in mich ein, so dass mir fast der Atem stockte.

Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn nicht plötzlich zu hören gewesen wäre, dass jemand die Treppe herunterkommt. Abrupt ließ Max mich los, und ich rückte schnell meine Kleidung wieder zurecht, bevor wir weitergingen.

Wir waren noch auf den obersten Treppenstufen, als bereits eine Lautsprecherdurchsage zu vernehmen war, dass der nächste Zug in unsere Richtung bereits in wenigen Minuten einfahren würde.

Allerdings war unser Gepäck noch immer zwischen den Gleisen im Splitterschutzbunker – ein ganzes Stück von uns entfernt – aufbewahrt.
„Max, wie kommer denn jedz widder on unner Gebägg?“, fragte ich ihn.

Er schaute „unseren“ Bahnsteig entlang, und meinte: „So wias grad aussiahd, kemmr des erscht mol abhoka. Do schdandad viel z viel Leid aufam Bahnschdeig. Und schnell irgendwo a Feuerle zur Ablenkung macha, wia heut‘ mittag, isch glaub kei guter Plan.“

Er nun wieder! Während ich die Augen verdrehte, fuhr er fort: „Wart mer erscht mol ab, ob no so viel auf am Bahnschdeig los sich, wenn der Bommlzuag do hanna nausgfahra isch.“

Sein Plan war gut. Der Bahnsteig war, nachdem der aktuelle Zug abgefahren war, komplett leer.
So sah niemand, wie Max wieder um die Absperrung kletterte und unsere Sachen aus dem Bunker holte, während ich – unnötigerweise – Schmiere stand, wie er mich gebeten hatte.

„Wos wer denn dei Blan gewese, bann doch noch enner hier rumgeschdanne wer?“, fragte ich, als wir mit unserem Gepäck wieder wie zwei normale Reisende auf dem Bahnsteig standen.

„I han doch no da Müll von vorher eischdegga.“
Während Max den Müll wegwerfen ging, verstaute ich meine leere Wasserflasche wieder in meinem Gepäck.

Nachdem er vom Mülleimer zurückkam, meinte er: „Siehsch, ond wenn etz no meh los gwä wär, hädd i de da Müll wegschmeißa gschiggd, bloß am Mülloimr am andra Ende vom Bahnschdeig. Wenn da na no dei Röckle a weng höher naufzoge häddsch, häddad se älle bloß Dir nochguggd, ond i hädd onsr Zeug schnell holla kenna.“

Auch wenn der Plan vielleicht sogar funktioniert hätte, war ich froh, dass wir nicht auf ihn zurückgreifen mussten. Trotzdem gab das erst mal einen sanften Knuff in die Rippen für ihn, und ich verzog erst gespielt beleidigt, dann aber schmunzelnd das Gesicht. Er grinste nur breit, zog mich eng an sich heran, und küsste mich.

Die restliche Wartezeit, bis der Zug einfuhr, verbrachten wir im Wartehäuschen nebeneinander sitzend.
Ich hatte meine Sandalen abgestreift und mich quer auf den Sitz direkt an der Wand des Häuschens gesetzt, die Seitenwand somit als Lehne im Rücken. Meine Beine schlug ich über Max‘ Oberschenkel, so dass meine Füße auf dem Sitz neben ihm zu liegen kamen.

Max hatte sich ebenfalls zurückgelehnt. Er schloss die Augen und streichelte sanft meine Beine entlang. Zärtlich begann er, meine Waden zu kneten. Das war keine so gute Idee, denn an den Waden ist mir das irgendwie unangenehm. Ich zog also meine Beine leicht zurück, woraufhin er sich meinen Oberschenkeln zuwandte. Mir war klar, auf was das wieder hinauslaufen würde. Bevor ich jedoch noch überlegen konnte, ob ich mich trotzdem darauf einlassen wollte, fuhr bereits der Zug mit quietschenden Bremsen ein.

Wir gingen zusammen zu einer der Doppeltüren des Zuges. Als ich beim Öffnen meiner Tür Probleme hatte, da sie klemmte, half mir Max, und zog sie mir auf.

Schnell wuchtete ich mich samt meiner Tasche die steilen Stufen vor der Tür hinauf.
Max war direkt neben mir. Den Rucksack hatte er beim Einsteigen auf den Rücken genommen. Mit einer Hand hielt er sich an der Griffstange der Tür fest. Die andere Hand spürte ich unvermittelt wieder zwischen meinen Beinen. Hastig zog ich mich vollends nach oben in den Einstiegsbereich. Wir sollten wirklich erst einmal einen geeigneten Platz finden, bevor wir in dieser Hinsicht weitermachten.
Ich verpasste Max einen sanft-freundschaftlichen Stoß mit dem Ellenbogen in seine Rippen, um ihn zu etwas mehr Contenance zu ermahnen.
Fast hätte er das Gleichgewicht verloren, nur seine Standfestigkeit verhinderte dies. Ich drehte mich halb zu ihm um, und meinte herausfordernd grinsend:
„Suchemer uns doch erst ämal en bequeme Bladz, wu mer ungeschdörd sinn. Mir wolle ja den Resd der Fahrd ned nur zum Fensder nausgegugg, odder?“

Fortsetzung folgt.

8 Kommentare zu „Nahverkehr auf Umwegen (6. Teil)

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